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Was ist Leben?
Das unfassbare Geheimnis, von dem der
vietnamesische Zen-Mönch Thich Nath Hanh im Bildnis der Blume spricht?
Das, was alles, was ist, beseelt?
Oder ist das Leben der dadaistische klingende Code, den die modernen
Forscher aus den Genen herauslesen? Jenen vererbbaren Bauanleitungen, bei
dem jeder der vier Buchstaben A - C - G - T einem chemischen Baustein der
DNA entspricht?
Tatsachlich ist die ,Life Science' in aller Munde.

Fast jeden Monat spucken die Nachrichten-Agenturen neue, revolutionäre
Entdeckungen und Erkenntnisse auf den Wissensmarkt: "Entschlüsselung des
Chromosoms!", "Entschlüsselung des Gens der Reispflanze!", "Entschlüsselung
des menschlichen Genoms!"
Die Leitartikler jubilieren und sehen die Menschheit an einem Wendepunkt der
Evolution. Doch das neue englische Fachwort ,Life Science', mit dem die
Erforschung des Genoms samt seiner wirtschaftlichen Nutzung in der Medizin,
Land- und Ernährungswissenschaft umschrieben wird, täuscht.
Wer aus dem Terminus "Lebens-Wissenschaft" schließt, dass die moderne
Wissenschaft dem Geheimnis des Lebens auf die Spur gekommen ist, befindet
sich auf dem Holzweg.
Das Leben ist - trotz zahlreicher wissenschaftlicher Entdeckungen - wie zur
Zeit der Alchemisten immer noch ein Buch mit sieben Siegeln, das seiner
Entschlüsselung harrt.
Was ist Leben?
Das ist eine der ältesten Fragen Überhaupt.
Wir leben. Wir - Menschen, Tiere, Pflanzen und auch die winzigen Algen -
sind anders als Stahl und Steine.
Was ist Leben?
"Leben
ist etwas Essbares, Liebenswertes oder Tödliches"
(James
Lovelock, Geophysiologe)
"Was wir
beobachten, sind einige ungewöhnliche Anordnungen von Objekten, die sich von
der übrigen Welt durch gewisse sonderbare Eigenschaften abheben, etwa durch
Wachstum, Fortpflanzung und besondere Formen der Energieverwertung.
Diese Objekte haben wir mit der Bezeichnung
,Lebewesen' versehen.
(Robert Morison, Biologe)
" Wir
dürfen die lebende Materie in ihrer Gesamtheit als die besondere und
einzigartige Umwandlung der strahlenden Sonnenenergie betrachten"
(lwanowitsch Vernadsky, Geologe)
Aber was
bedeutet es, zu leben, lebendig zu sein, ein abgegrenztes Etwas zu sein, das
einerseits zum Universum gehört, andererseits aber durch seine Haut von ihm
getrennt ist?
Leben - sowohl das räumlich begrenzte Leben in Körpern von Tieren, Pflanzen
und Mikroorganismen als auch das Leben in der gesamten Biosphäre, ist eine
höchst verwickelte Erscheinungsform der Materie.
Leben hat
die gleiche chemische Grundlage wie Unbelebtes, doch es besitzt das gewisse
Etwas, das mehr ist, als die Summe seiner Teile.
Weil unsere Vorfahren dachten, dass alles, was sich bewege, lebendig sei,
nannten sie den Wind lebendig, das Wasser und die Sterne.

Als die moderne Wissenschaft die physikalischen Gesetze entdeckte, begann
man, das Leben wie eine komplizierte Maschine zu beschreiben, der nur durch
Zufall eine Seele eingehaucht wurde.
Leben als
Produkt eines biologischen Computers?
Leben als Ausdruck eines beseelten Universums? Ein Baukasten aus Teilchen
oder ein Muster der Komplexität?
Wir ahnen, das beides stimmt.
Der Ursprung scheint des
Rätsels Lösung: Woher kommen wir?
Und diese Frage verweist auf die Frage aller Fragen: Weshalb sind wir?
Geschichten vom Ursprung werden nicht nur von den Religionen erzählt. Auch
die Wissenschaften erzählen, wenn es um Ursprünge geht, im Grunde nichts
anderes als Mythen und Märchen.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten verging kaum ein Jahr ohne eine neue
Theorie über den Anfang des Lebens.
Hypothesen, fast so zahlreich wie die Sammlung der Gebrüder Grimm.
Wer dem
Leben auf die Spur kommen will, muss weit zurückgehen in die Geschichte des
Planeten. Zurück in jene Zeit vor 4,6 Milliarden Jahren, die man das
Archaikum nennt und in der die Erde zunächst ein tödlicher Ort für alles
Leben war.
Atmosphärische Stürme von der Gewalt zigfacher Tornados heulen
über den
jungen Planeten.
Amoniak, Schwefelwasserstoff und Methan bilden ein giftiges Gemisch, durch
das pausenlos Blitze zucken.
Ozeane hangen wolkenweise in der undurchsichtigen Atmosphäre, ein
Trommelfeuer aus Meteoren und Planetoiden bombardiert die Oberfläche.
Wie soll da Leben entstehen?
Und doch: Schon die mit 3,8 Milliarden Jahren ältesten Gesteine der Erde
enthalten Spuren von elf verschiedenen fossilen Bakterien.
Dass das Leben aus dem All kam, spekulieren Wissenschaftler, seit dem im 5.
Jahrhundert der griechische Naturforscher Anaxagoras die Hypothese der ,Panspermie'
entwickelt hatte: ein Lebenskeim, der - so der schwedische Nobelpreisträger
Svante Arrhenius - mit dem Sonnenwind von Stern zu Stern geblasen wurde.
Sind wir Kinder der Sterne?
Tatsachlich finden sich Grundsubstanzen des Lebens - die Bausteine aller
Erbmoleküle - auch in Meteoriten und Kometen sowie im kosmischen Staub, der
stetig auf die Erde nieder rieselt.
Schließlich ist unser ganzer Planet eine Zusammenballung aus Sternenstaub.
Es
braucht natürlich irgendein Material, was in der Lage ist, Kettenmoleküle zu
machen und Kettenmoleküle bilden im Periodensystem nur zwei Elemente,
nämlich Kohlenstoff und Silizium. Kohlenstoff ist einfach der Macher
schlechthin.
Der wesentliche Punkt ist, das wir aus Elementen bestehen, die in Sternen
erbrütet werden. Ohne diese Elemente geht es nicht. Und die ersten Sterne
hatten diese Metalle noch nicht. Also musste es mehrere Generationen von
Sternentwicklung geben, bis überhaupt mal genügend Metalle da waren, damit
Leben entstehen konnte. Wenn man also die ganze Entwicklungsgeschichte
bedenkt, sind wir weiß Gott Kinder der Sterne.
(Astrophysiker Hubert Lesch)
Doch wie kann aus dem Schutt der Sterne Leben wachsen?
Aus der
gewaltigen Energie der Vulkane, sagen die einen.
Im dichten Staubschleier der langsam auskühlenden Aschewolken herrschten
gute Bedingungen für die Bildung einfacher organischer
Kohlenwasserstoffverbindungen.
Unsinn,
sagen die anderen:
Die Vulkane am Meeresboden waren es. In der kochenden
Eisen-Schwefel-Wasser-Welt der Tiefsee schlossen sich Aminosäuren zu kurzen
,Peptiden', organischen Molekülen zusammen, aus denen die "Archebakterien"
entstanden.
Falsch,
sagen die Dritten.
Das Leben ist ein Produkt der Ursuppe an der Oberflache des heißen Planeten.
Entweder in den offenen, relativ kalten Ozeanen oder in den stark
mineralhaltigen, warmen Pfützen auf dem schwarzen Gestein hatten elektrische
Entladungen und die harte Ultraviolettstrahlung der Sonne zu chemischen
Reaktionen geführt, aus denen lebende Systeme entstehen konnten.
Wieder
andere sehen den Ursprung - fast biblisch - in den geschützten Spalten
urzeitlichen Tons.
Lehm habe die Fähigkeit, Energie zu speichern und langsam wieder abzugeben
und könnte als Reaktionsgefäß für organische Moleküle agiert haben.
Dann wären letztlich Steine der Ursprung des Lebens.

Das ganze
Grundmaterial ist aus Steinen und den Verwitterungsprodukten von den
Steinen.
Die sind natürlich in dem reaktiven Austausch mit Wasser und der Atmosphäre
und aus diesen ganzen Bestandteilen entsteht das Leben, auch wir.
In unseren Knochen haben wir letztlich Steine, unser Wasser ist kalkhaltig,
diesen Kalk bauen wir ein, oder die Kühe bauen das in ihre Milch ein und wir
trinken das und natürlich sind auch wir, also die Grundbausteine, aus denen
wir bestehen, sind natürlich aus Steinen gebaut.
(Geologe
Bernd Lammerer)
Lebende. Steine!
Doch auch diese Theorie ist umstritten.
Das Wunder des Lebens hätte genauso im arktischen Eis entstehen können, wo
sich die vier Urbausteine der Erbsubstanz DNA viel stabiler erhalten
konnten.
Oder in
den Wolken, wo sich an der Oberfläche der Tropfen fettartige Moleküle
bildeten, an denen mineralische Staubteilchen andockten, Biomoleküle formten
und dann auf die Erde regneten.
Lebendiger Regen!
Hundert Wege scheinen zum Urahn des Lebens geführt haben. Doch weder der
Ursprung, noch der entscheidende Schritt von der unbelebten zur lebenden
Materie ist bislang entschlüsselt.
Sicher scheint nur, dass die einfachste Form des Lebens die winzige,
membranumhüllte Kugel einer Bakterienzelle war, die aus zahlreichen
Molekülen bestand, die sich gegenseitig beeinflussten und in der Lage waren,
ihren innere Bauplan weiterzugeben.

In the beginning was the
code..
Am Anfang
war der genetischen Code. Seine Quelle war ein Ereignis, über das wir kaum
etwas wissen. Der gemeinsame Urahn aller lebendigen Wesen lebte etwa vor
drei- oder dreieinhalbtausend Millionen Jahren.
Er war der gemeinsame Urahn der Menschen, der Bakterien und allem anderen
Leben.
… and bacteria and
everything else.
(Biologe Richard Dawkins)
Wenn es
den Urahn denn gegeben hat.
Denn manche Mikrobiologen nehmen heute an, dass in den warmen Wassern des
Archaikums nur Erbgut-Schnipsel einer Mikrobenkolonie schwammen und in einer
Art genetischen Urkommunismus ihr Erbgut munter untereinander austauschten.
Oder es
war - so die amerikanischen Geochemiker Logan und Hayes - noch profaner:
Alles höhere Leben entwickelte sich in den Ausscheidungen der ersten
primitiver Urwürmer.
War am Anfang nicht der Code.
sondern der Kot?
Wie die
Zutaten auch waren. aus denen die Evolution das Wunder des Lebens erschuf -
sicher ist:
Es war ein schwerer Anfang. ständig bedroht von der Vernichtung in einer
äußerst lebensfeindlichen Umgebung.
Leben - das waren kleine Inseln der
Ordnung im urzeitlichen Chaos.
Ein schüchterner Anfang.
Es mag
ernüchternd klingen und doch besteht daran kein Zweifel:
Wir stammen ab von einzelligen Bakterien. die sich über die unendliche Zeit
von zwei Milliarden Jahren konstant teilten, vermehrten. bekämpften und
zusammen die Chemie des Planeten veränderten.

The blue green alge fight in
the beginning ....
Ganz zu
Beginn gab es die blau-grünen Algen. Organismen, die aus Wasser und CO2
Sauerstoff und Nahrung produzierten. Sie waren der allerwichtigste unserer
Urahnen.
Und diese winzigen Mikroorganismen, die die Grundlage allen Lebens sind,
schwimmen immer noch durch unsere Ozeane.
.... absolutIy fundamental
of all life.
(Geophysiologe
James Lovelock)
Prokaryoten nennt man diese ersten Lebewesen heute:
Bakterienähnliche Wesen ohne Zellkern. Doch diese scheinbar primitiven
Lebewesen leisteten Ungeheuerliches:
Sie erfanden die Photosynthese. Indem sie es schafften, die Photonen des
Lichtes einzufangen und die Energie umzuwandeln, wurden sie nicht nur zu den
ersten Nahrungsmittelproduzenten für die Biosphäre. Sie füllten zudem mit
dem Sauerstoff, den sie dabei produzierten, nach und nach über fast 1,5
Milliarden Jahre die ganze Atmosphäre und veränderten die gesamte Chemie des
Planeten.
Ein
zeitreisendes Auge hätte im Archaikum ein buntes Durcheinander von
gleißenden Farben wahrgenommen.
Hellrot, grün, purpur und orange gefärbt besetzten die Photobakterien die
Oberfläche neuen Vulkangesteins, bemächtigten sich des erstarrten Basalts
und des glitzernden schwarzen Sandes.
Das die
Welt heute nicht nur von den fleißigen Einzellern beherrscht wird, verdanken
wir einem Ereignis, dass vor schätzungsweise 1,9 Milliarden Jahren
stattfand.
Wahrscheinlich beim Versuch, einander zu verspeisen, entstand in einer
Symbiose aus gegnerischen Bakterien eine Zelle mit separatem Zellkern.
Mit diesem Wunder war nicht nur der
Urahn aller heutigen Arten
entstanden, sondern auch die Sexualität und der Tod.
Anstatt sich einfach zu verdoppeln, begann das Leben, sich fortzupflanzen
und immer wieder neue Formen zu bilden, die man heute ,Eukaryoten' oder ,Protoctisten'
nennt. Und aus der andauernden Verschmelzung wurden manche von ihnen zu
Tieren, andere zu Pflanzen oder Pilzen.

One of the great transitions in
evolution ...
Es war
einer der größten Schritte in der Evolution, als in einen einfachen
Prokarioten ein anderer Einzeller eindrang und sie gemeinsam ein anderes
einzelliges Lebewesen erschufen, die eukariotische Zelle.
Sie hatte innerhalb der Zellmembran kleine Unterzellen, die man
Mitochondrien nennt. Das Eindringen dieser Mitochondrien in die ursprünglich
prokariotische Zelle machte das neue Wesen viel kraftvoller,
leistungsfähiger und vielseitiger als alle anderen Zellen. Aus diesem
Eindringen wurde eine biologische Revolution.
Denn sie ermöglichte die Entstehung vielzelliger Lebewesen, so wie sie und
ich und alle großen Lebensformen auf diesem Planeten es sind.
... and a1llarge life forms
on the planet.
(Evolutionsforscher Daniel Dennett)
Im Kambrium explodierte das Leben in eine unglaubliche Vielfalt.
Vor 570 Millionen Jahren entwarf die Natur rasend schnell Schalen, Panzer,
Beine, Zähne, Tentakel und baute daraus vielzellige Tiere, die so genannten
,Metazoen'. Ein surrealistischer Zoo aus Gliederfüßlern, Krustentieren,
Spinnen, Milben und Skorpionen, dann schließlich Pflanzen und Bäume, die der
Erde ein völlig neues Gesicht gaben.
Doch die
scheinbar unbremsbare Kraft des Lebens entwickelte sich immer an
der
Schwelle zum Tod.
Die Jahrmillionen der Entwicklung und Verfeinerung
waren auch eine Kette von
Krisen und Katastrophen schier ungeheuren
Ausmaßes, die für 98 % unserer
Vorfahren den Artentod bedeuteten..
Doch das
Leben lernte aus jeder Bedrohung etwas Neues.
Als die ersten Bakterien den Kohlenstoff aus der Atmosphäre fraßen und das
Klima deshalb kälter wurde, entstanden Organismen, die die toten Zellen
fraßen, dabei neben CO2 Methan produzierten und das Klima
stabilisierten.
Als der Himmel sich durch die Ausdünstungen der Einzeller langsam mit
Sauerstoff füllte und alles bisherige Leben durch das ätzende Gas bedroht
war, erfand die Evolution die Atmungsorgane, die den Sauerstoff in Energie
umsetzten.
Das Leben heilte sich selbst,
regulierte, wich aus, entdeckte Nischen, über-lebte.
Ob
es gigantische Vulkanausbrüche waren, Einschläge von Riesenmeteoren, eine
Supernova am Himmel, die Versumpfung der Meere oder Eiszeiten durch die
Verschiebung der Pole.
Vor 120 Millionen Jahren starb ein Großteil aller Arten. Von den 50
Gattungen der ,Therapsiden', einer Form von Reptilien, die bereits große
Ähnlichkeit mit den Säugetieren hatten, überlebte eine einzige - Dyconodon,
der glückliche Urahn von Maulwurf, Rhinozeros und Mensch.

Evolution has been going on
...
Wahrend
der drei oder vier Milliarden Jahre Evolution sind 99% der Organismen, die
es gab, wieder ausgestorben. Aber nicht ein einziger unserer Ahnen gehört zu
diesen 99%.
Jeder unserer Vorfahren gehört zu diesem einen Prozent Überlebender. Das
gilt für uns Menschen ebenso wie für jeden Grashalm.
Es ist unglaublich, was für ein Glück wir hatten. Ware diese Kette
irgendwann unterbrochen worden, gäbe es uns nicht ....
if this chain would be broken
at one point.
(Biologe Daniel Dennett)
Warum wir das GIück hatten?
Wir wissen es nicht.
Wie alles
anfing?
Wir ahnen es nur.
Wo es hin geht?
Die große Unbekannte!
Das Leben
ist. was es immer war. seit es sich in den unendlichen Weiten des kalten
Universums das erste Mal äußerte: ein Wunder , unentschlüsselt, gewaltig.
geheimnisvoll.
Eine Welle, die die Materie erfasste, ein komplexes. künstlerisches Chaos,
ein kosmischer Prozess irgendwo zwischen Plan und Zufall. Eine große Frage,
offen für zahllose Antworten. Antworten, denen die Dichtung manchmal naher
kam. als alle Wissenschaft.
Wie hat es Thomas Mann im Zauberberg formuliert?
Was war
das Leben?
Man wusste es nicht.
Es war sich seiner selbst bewusst, unzweifelhaft, sobald es Leben war; aber
es wusste nicht, was es sei...
Es war nicht materiell, und es war nicht Geist. Es war etwas zwischen
beidem, ein Phänomen, getragen von Materie, gleich dem Regenbogen auf dem
Wasserfall und gleich der Flamme.
Aber wiewohl nicht materiell, war es sinnlich bis zur Lust und zum Ekel, die
Schamlosigkeit der selbstempfindlich reizbar gewordenen Materie.
Es war ein heimlich fühlsames Regen in der keuschen Kälte des Alls, eine wollüstig-verstohlene Unsauberkeit von Nährsaugung und Ausscheidung, ein
exkretorischer Atemhauch von Kohlensilure und üblen Stoffen verborgener
Herkunft und Beschaffenheit. .
(Thomas
Mann – Zauberberg)
Von klein
auf sind wir daran gewöhnt, uns die Welt aus Einzelteilen zusammenzusetzen,
Steinchen für Steinchen, bis sich in der komplexen Vielfalt des Lebens ein
sicheres Weltbild ergibt, mit dem wir leben können. Eine überaus
erfolgreiche Strategie, mit der wir Häuser errichtet haben und Städte,
komplexe technische Anlagen und Fortbewegungsmittel.
Doch
passt dieses Denken für die Erforschung des Lebens?
Folgt das Wunder der Lebendigkeit dem Baukastenprinzip?
Lassen sich - ganz aktuell - die vier Bausteine des genetischen Codes
zusammenwürfeln, um daraus neues künstliches ,Leben' zu schaffen?

Folgen
wir den euphorischen Aussagen der Genforscher, so entsteht der Eindruck, die
moderne Wissenschaft stände unmittelbar davor, Leben aus den mikroskopisch
kleinen Bausteinen der Gene zusammenzustellen, so als wäre es Lego für
Erwachsene.
Folgen
wir der eigenen Intuition, so sagt sie uns, es kann nicht sein.
Wir mögen am Bauplan den einen oder anderen Stein auswechseln können, wir
mögen die Befruchtung einer Eizelle durch ein Spermium aus dem Innern des
Körpers in ein Reagenzglas verlagern können - den Lebensfunken zünden aber
können wir nicht.
Und doch
ist die Substanz, aus der sich alles Leben bildet, Materie, anorganische
Atome und Ketten von Molekülen.
Da gibt es gar keinen Zweifel:
Wir bestehen aus Materie mit ganz normalen chemischen und physikalischen
Eigenschaften.
Aber sie
hat einen ,besonderen Dreh', ein ,Verhalten', sonderbare ,Eigenschaften'.
Zum Beispiel:
Wachstum, Fortpflanzung, Selbstorganisation, besondere Formen der
Energieverwertung, die Fähigkeit zur Wahrnehmung.
Soweit wir wissen, ist Leben
auf die Oberflache des dritten Planeten
unserer Sonne beschrankt, der Erde.
Lebende Materie ist völlig auf diese Sonne angewiesen.
Nicht einmal ein Prozent der Sonnenenergie, die auf die Erde trifft, wird in
Lebensvorgange umgesetzt. Aber was das Leben damit anfangt, ist überaus
erstaunlich.
Aus Wasser, Sonnenenergie und Luft schafft es Gene und Nachkommen; muntere,
aber auch gefährliche Formen entmischen, verwandeln und vergiften, morden
und nähren, bedrohen und besiegen sich. Unterdessen lebt die Biosphäre, die
sich mit dem Kommen und Gehen einzelner Arten in kleinen Schritten wandelt,
fort, wie seit über drei Milliarden Jahren.

Das Chaos
ist die Summe aller Möglichkeiten. Und das, was tatsachlich realisiert wird
- also die Ordnung, der Kosmos - ist eine Möglichkeit von vielen.
Aber der Urgrund aller Dinge ist sicherlich nicht ordentlich. Er muss
unordentlich sein.
Damit sich Strukturen bilden können, muss vorher Nicht-Struktur da gewesen
sein. Und das ist das Chaos.
Das Chaos enthält alles was möglich ist, auch alle Ordnung, alles. Es gibt
Inseln der Ordnung. Winzig kleine Inseln der Ordnung. Und eine so 'ne Insel
sind Lebewesen.
(Astrophysiker Hubert Lesch)
Inseln der Ordnung
Im Feuer explodierender Sonnen lange vor der Entstehung der Erde entstanden
zudem Kohlenstoff, Sauerstoff und Stickstoff und andere schwere Elemente.
Lebende Materie besteht vorwiegend aus Wasser, das heißt aus Sauerstoff und
Wasserstoff. Wasserstoff macht nach seinem Masseanteil 75 % aller Atome im
Universum aus. Im Universum dürfte Leben selten oder gar einmalig sein. Aber
der Stoff, aus dem es besteht, ist leicht verfügbar .
Im Laufe
der Zeit ist immer mehr unbelebte Materie buchstäblich zum Leben erwacht.
Mineralstoffe aus dem Meer sind jetzt Bestandteile von Lebewesen und
schützen oder stützen sie als Samenhülle, Panzer oder Knochen.
Unser eigenes Skelett besteht aus Calciumphosphat, einem Salz aus dem Meer.
Sowohl die Zahl, als auch die Menge der chemischen Elemente in den Lebewesen
hat im Laufe der Zeit ständig zugenommen. Alle Zellen benötigen
strukturgebende Verbindungen aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff,
Stickstoff, Schwefel und Phosphor.
Diese Elemente waren für das Leben von Anfang an unentbehrlich, andere wie
Silicium und Calcium kamen erst relativ spät dazu.
Vielleicht müssen wir es uns vorstellen wie einen Tanz der Elemente, die
sich auch schon, bevor der Funken des Lebens sie traf, zu immer wieder neuen
Mustern zusammentaten, teilten und so nach und nach Symbiosen eingingen, aus
denen etwas ganz Neues entstehen konnte.
Vielleicht stimmt auch das Bild vom Funken nicht und es war stattdessen, ein
Glimmen, das zum Glühen wurde und sich plötzlich selbst entzündete.
(Geophysiologe
James Lovelock)

Es ist
außerordentlich schwierig zu sagen, wo im Prozess der Evolution der Systeme
auf der Erde das Leben beginnt und wo das Nicht-Leben aufhört.
Wenn man sich zum Beispiel einen WirbeIsturm anschaut, dann hat so ein
atmosphärisches System eine Menge selbstorganisierender Eigenschaften und
reguliert sich nach seinen eigenen Gesetzten.
Aber man würde sicherlich nicht sagen, ein Wirbelsturm wäre lebendig, obwohl
er sich sehr von seiner Umwelt unterscheidet.
... very different from the
mass of air which is around it.
Der
belgische Nobelpreisträger lIya Prigogine hat solche Systeme, die
Energieströme zur Erhöhung ihrer inneren Ordnung nutzen, ,dissipative
Strukturen' genannt.
Doch diese Vorläufer der Ordnung, aus der Leben entsteht, sind selten und
meist kurzlebig. Nur wenn der Energiestrom konstant erhalten bleibt und eine
geeigneter Nährstoff sicher ist, kann diese interne Ordnung lebendig werden.
Vorausgesetzt, das chemische System besteht nicht aus isolierten Molekülen,
sondern schon aus langkettigen Nucleinsäuren und Proteinen, die erlauben,
die Nahrung und Energie auch zu verarbeiten.
Denn ohne Stoffwechsel verpufft der Lebensfunke.
Die Zelle ist die kleinste
selbstorganisierende Struktur, die wir heute kennen
Eine minimale Einheit mit der Fähigkeit, unaufhörlich selbstorganisiert
Stoffwechsel zu betreiben. Sie nutzen die sie umgebende Energie und
Substanzen, um sich zu bilden, zu erhellen und zu reproduzieren. Ihr
Ursprung liegt im Dunkel. Allgemein anerkannt ist jedoch, dass komplexe
Kohlenstoffverbindungen ständiger Energiezufuhr ausgesetzt gewesen sein
müssen und sich in einer dynamischen Umwelt in ölige Tröpfchen verwandeln
konnten, die schließlich zu membran-umhüllten Zellen wurden.
Begeben
wir uns einmal in eine menschliche Zelle und werfen einen Blick hinein.
Damit es nicht zu eng wird, wird alles ein wenig vergrößert. Wir blasen also
das winzige Stück Leben. das nur unter dem Mikroskop sichtbar wird, in
unserer Vorstellung auf die Größe eines Hörsaals auf.
Eine nur
drei Millimeter dünne Membran halt den riesigen Raum zusammen. In seiner
Mitte schwebt eine Kugel von der Größe eines Kleinwagens: der Zellkern, der
vor allem die DNA, das Erbgut enthält. Andere Objekte ähnlicher Größe sind
die Zellorganellen: Kleine Fabriken, die der Energiegewinnung, dem Auf- und
Abbau des Zellmaterials und seinem Transport dienen. Doch das ist noch lange
nicht alles.
Überall
in der Zelle, in den Organellen und im Raum dazwischen, befinden sich
Proteine. In unserer Zelle von der Größe eines Hörsaals sind sie so groß wie
Kirschkerne. Milliarden Kirschkerne füllen den Raum bis in den letzten
Winkel. Jeder dieser Kirschkerne ist aus bis zu vielen Hundert Aminosäuren
zusammengesetzt. Alles arbeitet. Manche dieser Kirschkerne, die wir Enzyme
nennen, regulieren die chemischen Abläufe.
Ein tüchtiges Enzym vollbringt mehr als 10.000 chemische Reaktionen in der
Sekunde, manche noch viel mehr. Eine Fabrik für sich, ein Kosmos im
Kleinen, eine surrealistische Miniaturwelt.
Doch
schauen wir noch genauer hin und wenden unseren Blick auf diese Kugel in der
Größe eines Kleinwagens, den Zellkern. Gut geschützt vom Rest der Zelle
treten wir ein in ein Wunder im Wunder.

In einem
schier unendliche Band sehen wir hier eine korkenzieherartig verdrehte
Strickleiter.
Die Holme dieser Leiter bestehen aus gleichförmig angeordneten
Zuckermolekülen und Phosphatgruppen. Die Informationen der Erbsubstanz DNS
sind in diesen Leitersprossen gespeichert. Sprossen, die aus vier
verschiedenen Bausteinen bestehen, die man mit C, T, G und A bezeichnet hat.
Die Reihenfolge dieser mit nüchternen Buchstaben belegten Basen liefert
jeder lebenden Zelle den Bauplan für die Eiweiße und steuert damit den
Stoffwechsel von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen.
2000 solcher
Abschnitte bedarf es, um ein Bakterium zu bilden, 19.099 solcher Abschnitte,
um als Wurm sein Leben zu fristen. Und weniger als doppelt so viele, nämlich
33.000, um das Wunder des Lebens als Mensch zu erleben.
Damit dies möglich
wird, formt sich die Korkenzieher-Strickleiter zu einem dreidimensionalen
Wollknäuel. Denn an jeder Leitersprosse hangen Eiweißketten, insgesamt rund
80.000 Kettenmoleküle, die die Information aus den Genen weitergeben.
Bausteine? Code des Lebens?
Wie eine Spiralfeder, die sich entrollt und das sanfte Getriebe des Lebens
hervorbringt, kopiert sich die DNA und lässt gleichzeitig die Proteine
zusammenbauen, die sowohl die Flecken des Leopardenfells zeichnen, wie sie
die Zapfen der Fichten gestalten oder die Farbe im Auge eines Menschen.
Dennoch bietet weder die DNA noch irgendein anderes Molekül allein die
Erklärung für das Leben.
Die DNA
ist für das Leben auf der Erde zweifellos ein wichtiges Molekül, aber sie
ist selbst nicht lebendig, denn in ihr findet kein Stoffwechsel statt.
Ein Bauplan des Lebens vielleicht, aber ein Baustein?
Die Moleküle der DNA
sind aus Atomen zusammengesetzt, winzige Teilchen wie mikroskopische
Sandkörner. Doch wenn man ihre Struktur erforscht. bleibt am Ende gar nichts
mehr übrig.

Es gibt
nicht einmal diese Sandkörner. sondern es gibt eigentlich nur das, was man
Wechselwirkung nennt. Diese Wechselwirkung ohne Dinge zu haben. die
miteinander wechselwirken.
Am Anfang ist eigentlich nur Wechselwirkung da und das, was wir dann Materie
und Substanz nennen, das sind Verklumpungen dieser Wechselwirkungen.
Und das bedeutet dann, wir müssen eigentlich davon ausgehen, dass das
Universum eigentlich nur ein System ist. Und die Vorstellung, es besteht aus
Teilen ist nur etwas in unserem Kopf, weil wir so schwer mit diesem großen
System umgehen können - damit wir es unserem Gehirn anpassen, zerlegen wir
es und denken ist zerlegen, fragmentieren.
Das ist nur in unserem Kopf drin.
(Quantenphysiker Hans-Peter Dürr)
Wenn wir
die Materie immer weiter auseinander nehmen, bleibt am Ende nichts übrig,
was uns an Materie erinnert.
Am Schluss ist kein Stoff mehr, nur noch Form, Gestalt, Symmetrie,
Beziehung.
Materie
ist nicht aus Materie zusammengesetzt.
Es scheint, wir müssen uns
verabschieden vom Denken in
Bausteinen, KIötzchen, Lego-Steinen
Statt dessen geht es um etwas Geistiges, etwas, das wir mangels besserer
Worte mit einem anderen Begriff umschreiben müssen.

Es ist
Information.
Es sind gar nicht die DNA-Moleküle, die durch die Evolution reisen. Sie
vergehen.
Das individuelle DNA-MoleküI stirbt, löst sich auf, aber die Information
wird kopiert und erhalten. Obwohl es nur die darin enthaltene Information
ist, die von Generation zu Generation weitergereicht wird, sehen wir
trotzdem wirkliches Leben vor uns: Giraffen und Elefanten und Menschen und
Gorillas und Bäume.
Also zu
sagen: "Leben ist Information", wäre falsch. Leben ist Information und das
tatsächliche Ergebnis der Entschlüsselung dieser Informationseinheiten.
... of the decoding of this
bites of information.
(Biologe Richard Dawkins)
Einfacher
wird es damit nicht.
Aber vielleicht können wir in diesen Fluss von Informationen steigen und
gegen die Strömung der Zeit zurück schwimmen zum Anfang des Lebens, um das
ganze besser zu verstehen!?
Das ist
tatsächlich möglich.
Wenden wir unsere Aufmerksamkeit noch einmal unserer menschlichen Zelle zu,
die wir in der Vorstellung auf die Größe eines Saals vergrößert hatten. Da
war vom Zellkern in der Größe eines Kleinwagens die Rede und von den etwa
gleich großen Organellen.
Eine dieser Organellen nennt man Mitochondrium, die oft auch als das
Kraftwerk der Zelle bezeichnet werden.
Es mag unglaublich klingen,
aber mit diesen Mitochondrien können wir zurück an den Anfang des Lebens
reisen.
In jeder
unserer Zellen sind im Kern die Gene.
Aber in den gleichen Zellen sind auch diese kleinen Körper, diese
Mitochondrien, und die haben ihre ganz eigene DNA. Sie verdoppeln sich
innerhalb der Zelle, als waren sie kleine Zellen in der Zelle.
Diese Mitochondrien waren vor zwei Milliarden Jahren einmal Bakterien, frei
im Meer schwimmende Bakterien, die in unsere Urzelle eindrangen und seitdem
mit ihr zusammenleben. Ohne sie könnten wir gar nicht leben. In jeder
unserer Zellen besteht bis heute diese Partnerschaft.
Und weil sie ihre eigenen Gene haben, kann man ihre Genetik genauso
untersuchen, wie die der Gene im Zellkern.
Das besondere ist, dass diese Mitochondrien immer von der Mutter ans Kind
weitergegeben werden, nie vom Vater.
Wenn wir uns also die Mitochondrien im Menschen anschauen, kann man den
Ahnenbaum in der mütterlichen Linie hinabsteigen. Denn diese Gene sind nie
durch Sexualität vermischt worden, wie unser Gene im Zellkern. Unsere
Mitochondrien kommen von der Mutter, der Großmutter mütterlicherseits, der
Urgroßmutter und so weiter.
Wenn man diese DNA-Sequenzen bei Menschen aus aller Welt vergleicht, sieht
man, wann sie einen gemeinsamen Urahn hatten. Wir zum Beispiel sind
Europäer, wir werden einen gemeinsamen Ahnen in den letzten Jahrhunderten
finden. Wenn wir jetzt einen australischen Ureinwohner nehmen, müssen wir
vielleicht schon 40.000 Jahre zurückgehen. Und um zum gemeinsamen Urahnin
aller Menschen zu kommen, müssen wir 200.000 Jahre tief in die Vergangenheit
tauchen.
Allem Anschein nach lebte sie in Afrika, unsere Mitochondrien-Eva.
.... that she lived in Africa,
our mitochondrial Eve.
(Richard
Dawkins)
Und noch weiter zurück geht
die Reise
Durch alle Wesen der Evolutionsgeschichte mehrzelliger Organismen. Bis zu
jenem Zeitpunkt vor knapp zwei Milliarden Jahren, als irgendwo im Urmeer die
eine Bakterie in eine andere Bakterienzelle eindrang und zur Mitochondrium
wurde.
"Das
Auftreten dieser Zellen war das zweite große Ereignis in der Evolution
unseres Planeten.
Es führte von Stammbaum zu Stammbaum direkt zu unserem eigenen komplexen
Dasein, einschließlich Gehirn und allem anderen. "
(Lewis
Thomas, Biologe)
Jedes
organische Leben besteht nur aus einem der zwei Zelltypen. Einfache
Bakterien sind immer kernlos. Die Zellen von Menschen, Tieren; Pflanzen und
Protisten besitzen Zellkerne und Mitochondrien. Alles höhere Leben hat sich
aus diesen Bakterien, den Protoctisten, entwickelt.
Auch der Tod, die Sexualitat, die Individualitat.
Der Blick auf den Ursprung
mag erniedrigend wirken. Menschen sind geschlossene Kolonien aus
amöbenartigen Lebewesen.
Wir stammen - ob wir es wollen oder nicht - von schleimigen Amöben ab.
Ohne
die Bakterien gäbe es uns nicht. Uns nicht, Tiere nicht, Bäume nicht,
Pflanzen nicht, Insekten nicht. Und immer noch sind die Bakterien die
zahlreichste Spezies auf dem Planeten Erde.
Einige
Bakterienlinien entwickelten sich im Laufe der Evolution zu vielen
unterschiedlichen Arten, darunter auch zu uns.
Mehr noch, die Bakterien haben die Umwelt geschaffen, in der wir heute
leben. Auf allen Ebenen, vom Mikroorganismus bis zum Planeten nutzen die
organischen Wesen Licht, Luft und Wasser und andere organische Wesen, um ihr
fortpflanzungsfähiges Selbst aufzubauen.
Verschmelzung lautete ihr Motto: Protoctisten entwickelten sich durch
Symbiose, kleinere und größere Äste des Stammbaums verzweigten sich nicht
nur, sondern wuchsen auch zusammen und schufen die Vielfalt all dessen, was
ist.
Erde, Pflanzen, Tiere,
Menschen. Leben existiert eigentlich nicht auf der Erdoberflache,
Leben ist die Erdoberflache.
Es
scheint, als würden die zahllosen Antworten, die die Forschung bei der Suche
nach dem Geheimnis des Lebens gefunden hat, immer nur neue, noch tiefere
Fragen aufwerfen.
Wer früher glaubte, er hätte vom Leben eine Vorstellung, hat heute kaum mal
mehr als eine Ahnung.

Die
Kenntnis des heutigen Menschen vom Ursprung allen Lebens ist vermutlich
nicht besser als sein Wissen vom Feuer vor 50.000 Jahren.
Wir können es aufrechterhalten und damit spielen, aber wir können es nicht
erzeugen.
(Lynn
Margulis, Biologin)
Wir
können das Leben auf der Welt in Teile gliedern, doch diese Teilung ist
künstlich.
Wir können zwischen Leben und Nichtleben unterscheiden, doch auch diese
Teilung ist menschengemacht.
Was einmal Fels war, kann später Teil eines Graßhüpfers, dann eines
Vogels oder Menschen sein. Noch reden wir von der Natur wie von einer
Maschine, mit lauter kleinen Zahnrädern, weil wir es anders nicht denken
können. Doch eigentlich ist das Leben ein Tanz, ein lebendes Ganzes, das mit
sich selbst spielt.
Es hat, sagt der Quantenphysiker Hans Peter Darr, Teile, wie ein Wort
Buchstaben hat und doch ist es als Ganzes wie ein Gedicht.
Wenn ich
nur von den Buchstaben eines

Gedichts
spreche, dann verstehe ich das Gedicht
natürlich überhaupt nicht.
Dann sage ich, die Buchstaben sind ja in Beziehung zueinander, die formieren
Worte.
Dann stelle ich fest, das Gedicht ist nicht so das alle Buchstaben mit
jedem Buchstaben eine Beziehung haben, sondern da ist eine Hierarchie drin.
Zunächst bilden sich Gruppen von Buchstaben, die ein Wort bilden. Und das
ist ein neuer Spielball, der seine eigene Einheit hat und seine eigene
Ausdrucksform. Die Worte in einem Satz machen ein neues Spiel, die machen
einen Satz.
Die Sätze zusammen machen eine Strophe oder ein Gedicht. Und auf jeder Stufe
kommt sozusagen eine neue Eigenschaft hinzu, die ich im vorherigen Stadium
nicht mehr auffangen kann.
Ein Buchstabe kann nicht ausdrücken, was einmal ein Wort meint.
Ein Satz drückt mehr aus als die Worte.
Das Gedicht hat keine Bedeutung ohne
den Betrachter. Sinnhaftigkeit bedeutet nur, dass auf dieser Ebene das
System als Ganzes betrachtet werden kann und wenn ich es aufteile, verliere
ich das, was ich Sinn nenne.
(Quantenphysiker Hans Peter Darr)
Was ist Leben?
Die
Erforschung des Ursprungs und der Bausteine des Lebens hat dem Menschen zu
erstaunlichen Erfindungen verholfen.
Die letzte Antwort aber hat er nicht gefunden, indem er das Leben
auseinander nahm wie ein Kind ein Radiogerät auf der Suche nach der Stimme.
Aus
diesem Grund ist in den vergangenen Jahren ein neuer Forschungsansatz immer
wichtiger geworden: Er seziert das Leben nicht länger, indem er
Beziehungsstrukturen zerschneidet, sondern erforscht das Phänomen ,Leben'
vom anderen Ende aus seiner Komplexität.
"Der
Körper des Lebens ist eine Lage aus wachsender, mit sich selbst
interagierender Materie, die unsere Erde einhüllt. Sie ist maximal 20
Kilometer dick, mit der Atmosphäre als oberer und dem Meeresboden als
unterer Grenze.
(Lynn
Margulis, Biochemikerin)
 
Doch wie
soll man umgehen mit einem Untersuchungsgegenstand solcher Größe.
Der Planet passt auf keinen Labortisch, in kein Reagenzglas, unter kein
Mikroskop. Und doch ist eindeutig, dass das Leben nur in seiner Gesamtheit
funktioniert, sich selbst erhalt und verfeinert. Wer das Ganze verstehen
will, muss nach den Regeln und Strukturen suchen, die auf allen Ebenen
wirken.

Wenn sie
sich Bilder anschauen von der großräumigen Struktur des Universums und sie
schauen sich ein Bild an, wie neuronale Netzwerke im Gehirn funktionieren,
und sie ziehen beide Bilder auf die gleiche Auflösung, dann sehen sie
dasselbe.
Also auf solche Gedanken könnte man kommen, das viele Dinge im Universum
nichts anderes als ein großer Gedanke.
Aber das ist nur ein Vergleich aus der Impression die man hat, wenn man das
sieht. Die Physiker nennen das Selbstähnlichkeit.
Also das sind einfach Strukturen, die auf eine ganz bestimmte Art und Weise
Zusammenhänge darstellen. Jetzt kann man sich das angucken auf der atomare
Ebene.
Da findet man solche Strukturen, dann geht man ein bisschen zu größeren
räumlichen Skalen.
Dann
sieht man: Ach, das ist ja ein System, das so ähnlich aussieht.
(Astrophysiker Herbert Lesch)
Der
Begriff des ,Systems' ist deshalb langst zum Schlüsselwort geworden, mit dem
die Geheimnisse des Lebens weiter entziffert werden sollen.
Alle
Lebewesen sind hochgradig geordnete Systeme: Sie enthalten höchst
komplizierte Strukturen, die durch ein präzise abgestimmtes Zusammenspiel
von chemischen Prozessen und Verhaltensweisen aufrechterhalten werden.
Die Biologie ist reich an komplexen Systemen: seien es die Tausende von
Genen, die ihre Aktivität innerhalb einer Zelle gegenseitig regulieren, sei
es das Zusammenspiel der Zellen und Moleküle, die für die Immunreaktion
verantwortlich sind, seien es die Milliarden von Neuronen im
Zentralnervensystem, deren Netzwerk die Grundlage des Verhaltens und
Lernens bilden, oder ein ganzes Ökosystem mit seiner Vielzahl von Arten, die
gegenseitig ihre Evolution beeinflussen.
Die
Organisation innerhalb eines solchen Systems ist das entscheidende: die
Muster, nach denen sich die Prozesse im System organisieren. Wendet man
diese Sichtweise auf die komplexen Vorgange der Evolution an, dann verliert
das alte Bild von der Entwicklungspyramide, an dessen Spitze der Mensch
steht, seine Gültigkeit.

Ein
System ist die Summe von seinen Teilen, die nicht eine einfache Summe ist,
sondern eine zusammengesetztes Ganzes ist, dass das System als Ganzes sich
regelt.
Jedes System muss sich in diesem Fluß von Energie und Information, die
durchaus und immer überall gegeben ist, erhalten.
Ein Organismus ist ein System. Aber es gibt natürlich Systeme, die keine
biologischen Organismen sind. Es gibt Galaxien, die Systeme sind, es gibt
molekulare Einheiten, komplexe Moleküle, es gibt die Ökosysteme, die sind
nicht Organismen als solche, aber es sind Systeme. Menschliche Kulturen,
menschliche Gemeinschaften sind Systeme, die ganze Menschheit, das ganze
System der Einheit von Menschheit und Natur auf diesem Planeten bildet ein
sich selbst regelndes System.
Aber es ist kein Organismus im engsten Sinne des Wortes.
(Systemtheoretiker Ervin Laszlo)
Wieder
treffen wir auf die Tatsache, dass lebende und nicht lebende Systeme nach
den gleichen Strukturen aufgebaut sind und die Grenzen verschwimmen.
Um beides zu begreifen, spricht man heute vom ,systemischen Denken'.
Das
,systemische Denken' ist ein ganzheitliches Denken, ein Denken in
Zusammenhangen, ein Denken in Beziehungen.
Die Perspektive ist eine andere: Der Blick geht von den Teilen zum Ganzen,
von den Objekten zu den Beziehungen dazwischen, von den Bestandteilen zu den
Mustern, also der Ordnung, welche die Beziehungen haben. Und es ist auch
ein Blickwechsel von Quantität zu Qualität. Beim quantitativen Ansatz geht
es um Grundbausteine, um Materie. Beim systemischen Ansatz hingegen um
Beziehungsmuster, um Qualitäten.

Darunter
versteht man individuelle Organismen, Teile von Organismen, wie die Organe
in unserem Körper oder auch die Zellen und dann Gemeinschaften von
Organismen, Sozialsysteme oder Ökosysteme.
Und jetzt stellt sich heraus, dass man einige grundlegende
Organisationssysteme auf allen Systemstufen trifft.
Zum Beispiel:
Teile lebender Systeme sind immer in einem Netzwerk angeordnet. Die Prozesse
in lebenden Systemen sind immer kreisläufige Prozesse. wie die ökologischen
Zyklen in einem Ökosystem, so auch der Blutkreislauf, der Hormonkreislauf in
unserem Körper.
Es gibt also Begriffe und Prinzipien, die man auf verschiedenen Systemebenen
antrifft. Dann der Begriff der Organisation, früher hat man es genannt die
organisierenden Beziehungen, jetzt sagt man Selbstorganisation.
(Systemforscher Fritjof Capra sieht die ganze Erde als ein komplexes
lebendes System)
Selbstorganisation ist ein zentrales Merkmal des Lebens. Die Wissenschaft
spricht auch von Autopoiese, ein griechischer Begriff, der so viel heißt wie
,Selbermachen', oder ,selbstregulieren'.
Folgt man dieser Denkweise, dann war die Entstehung der ungeheuren Vielfalt
des Lebens ein fast zwangsläufiger Prozess, in dem nicht eins auf andere
baute, sondern alles mit allem interagierte.
Der Geophysiologe James Lovelock ist dafür berühmt geworden, dass er dem
Ganzen einen Namen gab. Er nennt das lebende und sich , selbst
organisierende System Erde ,Gaia'.
The Way I see Gaia: It's a
selfregulating system
Ich sehe
die Erde oder Gaia folgendermaßen:
Sie ist ein sich selbst regulierendes System, das sich kurz nach der
Entstehung des Lebens gebildet hat. Passiert ist das wohl folgendermaßen:
Wenn sich Organismen auf einem Planeten entwickeln und sich zahlenmäßig
stark verbreiten, dann verändern sie - ob sie das wollen oder nicht - die
Zusammensetzung der Atmosphäre, des Bodens und des Wassers.
Indem sie das tun, verändern sie ihre Umwelt, das Klima, eigentlich alles.
Und dann muss sich das Leben diesen veränderten Bedingungen anpassen.

Lebewesen aller Art passen sich also nicht an eine tote Welt an, sondern an
eine Welt, die ihre Vorfahren gerade erst gemacht haben. Und auf diese Art
entstehen große Rückkopplungsschleifen und Feedbacksysteme, die entweder
dazu führen, dass das ganze System zusammenbricht oder aber z.B. sich bei
einer für das Leben angenehmen Temperatur stabilisiert.
Wir hatten das GIück, dass das frühe System, das ich Gaia nenne, ein
stabiles Gleichgewicht gefunden und erhalten hat und uns bis heute eine
angenehme Umwelt bietet.
Gaia verhalt sich dabei wie ein lebender Organismus. Ob sie lebt oder nicht,
hängt nur davon ab, wie wir den Begriff Leben definieren.
Aber mit Sicherheit verhalt sie sich auf viele Arten wie ein Tier oder ein
Mensch: sie reguliert ihre Temperatur. so wie wir es tun, sie kontrolliert
die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre. Und dabei lasst sie nichts
beim Alten. Sie ist ein
evolutionäres System.
.......it doesn' keep it all
the Same. It's an evolutionary system
(Geophysiologe James Lovelock)
Systemforscher sehen die Autopoiesie des lebenden Systems Erde als eine
kombinierte, immer wieder Neues hervorbringende Eigenschaft der vielen
gen-austauschenden. gas-austauschenden, wachsenden und sich entwickelnden
Organismen.
Nach dieser Sicht überzieht das Leben unseren ganzen Planeten als
zusammenhängende, aber bewegliche Hülle und nimmt die Gestalt der darunter
liegenden Erde an.
Die Lebewesen sind nicht so sehr in sich geschlossene, selbstständige
Individuen, sondern Gemeinschaften von Organismen, die Materie, Energie und
Information mit anderen Organismen austauschen.

In seinen
größten physiologischen Auswirkungen betrachtet, ist das Leben die
Oberflache unseres Planeten.
Die Erde ist ebensowenig ein planetengroßer Felsbrocken, auf dem Lebewesen
wohnen, wie unser Körper ein von Zellen besiedeltes Knochengerüst ist.
(Lynn
Margulis, Biologin)
Wenn das Ganze derart ins
Blickfeld gerät, verschwimmen die klaren Konturen seiner Teile
Dabei unterliegt das Leben einer höchst komplexen Struktur, die bei des ist:
ganzheitlich und hierarchisch. Um diesen scheinbaren Gegensatz aufzulösen,
hat der SchriftsteIler und Philosoph Arthur Koestler den Begriff ,Holons'
geprägt. Das aus dem Griechischen abgeleitete Wort beinhaltet beides: Teil
und Ganzes.
Jedes
System ist ein Holon. Also in eine Richtung gesehen ist es ein Subsystem,
ein Teil von einem größeren System. Von seinem anderen Gesicht aus ist es
ein ganzes System, das seine eigenen , Subsysteme hat.
Natürlich der Mensch ist ein ganzes System, gesehen von seinen Organen und
Zellen und Molekülen und Atomen, aber ein Subsystem gesehen von der
Familie, von den Gemeinschatten, von der Natur, von der Biosphäre und auch
von dem Kosmos.
Die Ganze regelt sich so, dass die Teile eine gewisse Freiheit haben, sich
fügen, aber zusammen so fügen, dass das obere System, also das Supersystem
sich erhalt.
(Systemtheoretiker Ervin Laszlo)
Als
Inseln der Ordnung in einem Meer von Chaos sind Lebewesen den von Menschen
konstruierten Maschinen weit überlegen. Anders als beispielsweise James
Watt's Dampfmaschine baut der lebende Organismus Ordnung auf.
Er repariert sich ständig selbst. Alle fünf Tage bekommen wir eine neue
Magenschleimhaut, und die Leber wird innerhalb von zwei Monaten
ausgetauscht. Die Haut erneuert sich alle sechs Wochen. Jedes Jahr werden 98
% der Atome in unserem Körper ersetzt. Dieser ständige chemische Austausch,
Stoffwechsel genannt, ist ein sicheres Anzeichen für Leben.
Sich
verändern, um derselbe zu bleiben - das ist das Wesen der Autopoiesie. Es
trifft auf die Biosphäre ebenso zu wie auf die Zelle. Auf Arten angewandt,
führt es zur Evolution.

I see evolution
es an improvisational dence
....
Ich
verstehe die Evolution als eine Art improvisierten Tanz,
indem alle
erfolgreichen Schritte kontinuierlich zu neuen
Mustern verwoben werden.
Eigentlich haben Bakterien schon vor zwei
Milliarden Jahren den elektrischen
Motor erfunden,
oder den Kernreaktor oder Polyester oder
alles andere, wie
die Teilung der DNA -
auf dem mikrobiologischen Ebene gibt es diese Dinge buchstäblich seit der Urzeit.
...invented
2 billion years ego.
(Biologin Elisabeth Sathouris.)
Nach
traditioneller Ansicht besteht die Evolution des Lebens aus - zufälligen
Veränderungen. Aus der systemischen Perspektive bewegte sich die Evolution
in sprunghaften Phasen: Ihr gelangen große Brückenschläge, indem
komplizierte Teile miteinander verschmolzen wurden, die zuvor in getrennten
Abstammungslinien verfeinert worden waren. Wenn eine neue Lebensform
auftaucht, beginnt die Evolution nicht jedes mal wieder beim Nullpunkt.
Vorhandene ,Bausteine', die, auch als Bakterie schon komplizierte Systeme
darstellten, treffen aufeinander und schließen sich zusammen. Sie bilden
Bündnisse, verschmelzen und werden zu neuen Lebewesen, völlig neuen
Ganzheiten, die an der natürlichen Selektion mitwirken und ihr unterliegen.
Aus dem
griechischen Wort für ,Zusammenarbeit' hat man für diesen Prozess den
Begriff der ,Synergie' geprägt. Das, was aus den Teilen neu entsteht und
immer mehr ist als die Summe seiner Teile, nennt man ,Emergenz',
Da gibt es kein
vorweggenommenes Ziel
Nichts musste sich entwickeln, alles konnte entstehen.
Evolution ist kein linearer Vorgang, sondern ein komplizierter Prozess der
Wechselwirkung, in dem alle Elemente der hierarchischen Organisation der
Lebewesen ihre Rolle spielen. Die Fähigkeit des Lebens, sich selbst in
komplexen Mustern zu organisieren, war es, die ein Wunder nach dem anderen
hervorbrachte. Anders wäre es auch gar nicht vorstellbar, wie eine einfache
Bakterienzelle aus der gigantischen Zahl von 10 hoch 2,4 Millionen möglicher
Bauplane ausgerechnet auf die richtige Lösung kam.

Was sich
ergibt ist, dass man die Kreativität des Lebens, die Kreativität aller
lebenden Systeme als die treibende Kraft der Evolution sieht.
Evolution ergibt sich nicht nur aus zufälligen Mutationen und anschließender
natürlicher Auslese, sondern es gibt eine innere Kreativität, ein spontanes
Entstehen von Ordnung, das für Leben auf allen Ebenen des Lebens
charakteristisch ist.
Man beginnt das gesamte Genom eines Organismus als ein Netzwerk zu sehen.
Als ein Netzwerk, indem spontan Ordnung entsteht.
Das heißt, nicht zufällig, sondern in einem geordneten Ganzen und diese
geordneten Strukturen sind dann der natürlichen Auslese unterworfen, wie der
Darwinismus es sagt.
Aber die natürliche Auslese liest nicht aus zufällig entstandenen Strukturen
aus, sondern es geht hier um eine grundlegende Ordnung, die in allen
Lebewesen anzutreffen ist.
(Systemforscher Fritjof Capra)
Diese Einsicht hat
erstaunliche Konsequenzen
Es
bedeutet, dass zwischen einem Organismus und seiner Umwelt gar keine klare
Grenze gezogen werden kann. Selbst innerhalb eines Organismus sind die
Zellen, Organe und Organsysteme füreinander so etwas wie eine Umwelt.
Wenn alle
Lebenssysteme ineinander verschachtelt sind, sind die Beziehungen innerhalb
der Systeme genauso wichtig wie zwischen den Systemebenen. Und überall gibt
es Wechselwirkungen.

Das ganze
Universum besteht sozusagen aus solchen Wechselwirkungen,
Beziehungskisten, kosmischen Beziehungskisten.
(Astrophysiker Herbert Lesch)
Dann sind
auch die linearen Ketten von Ursache und Wirkung, an die wir Menschen so
felsenfest glauben, nur die Ausnahme. Die Regel sind multikausale Netzwerke,
in dem alles mit allem interagiert.
Evolution wird deshalb als komplexer Systemprozess begriffen.
Und von Lebewesen als abgetrennten Objekten kann man fast nicht mehr reden.
Ein Lebewesen ist dann so etwas wie ein sich ständig veränderndes Produkt
seiner inneren und äußeren Beziehungen.
Demnach
ähneln auch unsere Erbanlagen nicht einem Programm, das einen Computer
steuert, sondern eher einer Partitur, die unter bestimmten Bedingungen zum
Klingen gebracht wird.
Da ist Raum für Interpretation
und Improvisation
Da
entsteht Freiheit für Unvorhergesehenes, Neues.
Da ist die Metapher von der Maschine endgültig überholt.

Die
Metapher wäre eigentlich die Evolution, also das alles sich entwickelt und
das alles sich spielerisch entwickelt, das alles offen ist.
Wenn man dieses neue Denken des Spielerischen und des Offenen - das
Evolutionsdenken - anwendet, dann ist die Zukunft immer offen.
Das ist natürlich viel unsicherer, diese Art, die Welt zu betrachten, aber
es ist auf der anderen Seite die einzige Möglichkeit auch zu verstehen,
warum es Neues gibt.
(Evolutionsbiologe Friedrich Cramer)
Das heutige Biosystem der Erde
ist also das Ergebnis eines solchen
fast Ober vier Milliarden Jahre wahrenden Spiels
Es begann ungeheuer langsam und beschleunigte sich dann immer mehr. Die
ganze Vielfalt entstand aus einer oder wenigen Urformen.
Die Pyramide des Lebens, an deren Spitze wir uns den Mensch wünschten, steht
eigentlich auf dem Kopf. Am Anfang waren Bakterie und Wurm, aus dem der Baum
des Lebens in die Breite wuchs.
Und
deshalb hangt bis heute alles mit allem zusammen und Ist, um sich zu
erhalten und weiterentwickeln, voneinander abhängig:
Ein
Netzwerk von Bündnissen, Symbiosen.
Gerade der Mensch ist nicht
homogen, sondern zusammengesetzt
Jeder von uns liefert eine prächtige Umwelt für Bakterien, Pilze,
Rundwürmer, Milben und andere, die in und auf uns leben.
Unser Darm ist dicht besiedelt mit Bakterien und Hefen, die Vitamine
herstellen und die Nahrung verdauen.
In unserer Mundhöhle wohnen mehr Mikroben als Menschen in New York.
Und unsere Mitochondrien in jeder Zelle entwickelten sich aus einer Fusion
von Bakterien.
Unser Körper ist in Wirklichkeit das gemeinsame Eigentum der Nachfahren
unterschiedlicher Vorfahren.
Was bedeutet all das?

Wenn wir
die lebende Natur als etwas zu sehen beginnen, was uns nicht gegenübersteht,
sondern in die wir eingebettet sind, ferner wenn wir die lebende Natur sehen
als ein Lebewesen, die eine Intelligenz erkennen lassen auf allen Stufen des
Lebens, dann wird das natürlich unser Verhältnis mit der lebenden Natur sehr
verändern.
Wir werden die lebende Welt nicht mehr als ein mechanisches System sehen,
das aus getrennten Teilen besteht, die wir auch ausbeuten können, sondern
werden eine größere Ehrfurcht haben, weil die Natur aus Lebewesen wie uns
selbst besteht.
Aus Lebewesen, die mit uns sehr viel gemeinsam haben und unter anderem auch
einen Erkenntnisprozess und eine Intelligenz gemeinsam haben. Der passende
Umgang mit der Natur ist nicht durch Beherrschung der Natur, wie das bei
einer Maschine absolut passend ist, sondern durch einen Dialog mit der
Natur.
(Systemforscher Fritjof Capra)
Was ist Leben?
Ein
Prozess, der die Materie siebt und üer sie hinweg rollt wie eine sonderbare
langsame Welle!
Was ist Leben?
Wildgewordene Materie, die ihre Richtung selbst wählen kann, die sich bewegt
und denkt. wahrnimmt und reagiert und in uns schließlich Bewusstsein und
Selbstbewusstsein hervor brachte!
Was ist Leben?
Eine
Frage, die das Universum in Gestalt des Menschen an sich selbst richtet ...
Wie hat
es der Zen-Mönch am Beginn formuliert?

When you look into a flower
deeply you will see so many elements ...
Wer tief
in eine Blume schaut, der sieht eine Unzahl von Elementen. die
zusammengewirkt haben, um die Blume zu ermöglichen.
Berührst Du die Blume, kannst Du die Wolken berühren, die die Blume
brauchte. Du berührst den Sonnenschein, denn ohne ihn gäbe es keine Blume.
Gehen wir noch tiefer. so sehen wir die Erde, die Mineralien. Zeit und Raum
alles in dieser Blume.
Wenn wir jetzt das Spiel spielen und alles dorthin schicken. wo es herkam:
den Sonnenschein zur Sonne, den Regen in die Wolke. die Mineralien in die
Erde - dann gibt es die Blume nicht mehr.
Eine Blume besteht vielmehr aus Nicht-Blumen-Teilen. Und doch wissen wir,
es ist eine Blume.
Eine Blume kann nicht aus sich selbst sein, sie „inter-ist" mit dem gesamten
Kosmos: mit der Sonne, der Wolke, dem Gärtner.
... It inter-is with the
sun, it inter-is with the cloud, it inter-is with the gardener.
Das Leben,
ist eine Erfahrung,
die wir, einmal damit
angefangen,
ungern missen möchten.
Rübezahl |